Als ich im November von der dreitägigen Tagung der National Association of Writers in Education in York nach Hause kam, hatte ich das Gefühl, von dem Input bestimmt ein halbes Jahr zehren zu können – bevor ich mich für 2019 anmelden würde. Und – ich hatte Recht.
Neben der Vielfalt der Themen am meisten beeindruckt hat mich die Leidenschaft der Vortragenden für die jeweiligen Themen. Jede/r stellte den schreibenden und schreiblehrenden Kollegen das Thema vor, für das er oder sie aktuell am meisten brennt. Und das reichte von Marketing für Autoren über die Recherchearbeit beim literarischen Schreiben bis zu Workshops zum gesundheitsfördernden Schreiben in Gemeinden.
Aus York geplaudert, einige Eindrücke – kreatives Schreiben in Europa:
Schon beim ersten Vortrag wurden eine Vielzahl von Kreativ-schreiben-Programmen in Großbritannien vorgestellt. Der "National Writing Day" (dieses Jahr am 26. Juni) wendet sich an jeden, der schreiben möchte – egal, welchen Alters und über Veranstaltungen im ganzen Land: www.nationalwritingday.org.uk. Die Botschaft: Jeder hat eine Geschichte zu erzählen.
Paper Nations, auch eine landesweite Initiative, hat sich zum Ziel gesetzt, eine ganze Nation von jungen Schreiberinnen und Schreibern zu inspirieren. Und "First Story" kümmert sich ums Schreiben an weiterführenden Schulen mit dem Ansatz "Schreiben kann dein Leben verändern."
Was mich auch beeindruckt hat: All diese Initiativen scheinen miteinander vernetzt zu sein, über die Menschen, die sie vertreten, ihre Mitglieder und gemeinsame Projekte.
Schreibworkshops gab es in York auch. Und weil mein Herz für ganz kurze Geschichten schlägt, habe ich mich zweimal dafür entschieden. Mit dem Workshop "Flash Fiction" von Amanda Quinn. Und mit "Dribbles & Drabbles" von Alice Penfold, sie unterrichtet an der Paddington Academy in London. Beide setzten sie darauf, über ein kurzes Free Writing und die anschließende Komprimierung des Stoffes zur Kürzestgeschichte zu kommen. Zum Schluss bleiben 50 Wörter – oder sogar nur noch ein Satz.
Der Impuls zum Free Writing kam im ersten Workshop über Postkarten, im zweiten über Erinnerungen zum Beispiel zu "etwas, ohne dass du nicht leben kannst."
Einen „Flash Fiction Day“ gibt es in Großbritannien übrigens auch – dieses Jahr am 15. Juni: https://nationalflashfictionday.co.uk
Und wieder zurück zu einem Vortrag – zur Vernetzung des kreativen Schreibens in Europa. In diesem Block stellte sich unter anderem ein Kreativ-schreiben-Programm an der schwedischen Linné Universität in Kalmar/Växjö vor mit "das Verbotene Schreiben" – Erfahrungen zum Schreiben mit Studierenden über Tabus.
Außerdem konnte ich so die Europäische Gesellschaft für Kreativ-schreiben-Programme kennenlernen, die es seit 2005 gibt. Sie führt Trainingscamps für Kreativ-schreiben-Dozenten durch und trifft sich einmal im Jahr zu einer Tagung – in diesem Jahr in Barcelona. Und sie führt (schon im zweiten Jahr) einen Kurzgeschichten-Wettbewerb durch. Beteiligen lässt es sich in Deutsch, Englisch, Spanisch und weiteren von insgesamt 12 europäischen Sprachen und noch bis zum 15. März. Mehr dazu: eacwp.org/flash-fiction/
Herzliche Grüße
Sigrid
Liebe Schreibfreudige,
heute ist der letzte Samstag im Jahr und damit schließt sich auch die 6-teilige Reihe "Schreiben-mit-allen-Sinnen" im Sprachlust-Newsletter.
Im Juli ging es los – an einem Montag mit dem Schwerpunkt darauf, das Hin-Hören als Schreibimpuls zu nutzen. Zum Beispiel über das gezielte Sammeln von Klängen und Geräuschen im Alltag.
Es folgten das Sehen, das Spüren, das Riechen und das Schmecken. Und nun – an einem Samstag als 6. Tag der Woche – kommen noch einmal alle Sinne gemeinsam zum Tragen. Zum Jahresende bietet sich da ein Rückblick an. Also ein Sinnesfeuerwerk der etwas anderen Art.
Hast du in den letzten Tagen dein 2018 schon ein wenig Jahr Revue passieren lassen oder sogar einen Jahresrückblick geschrieben? Dann knüpfe einfach dort mit deinen Sinnes-Erinnerungen an und vertiefe so deine Rückschau eventuell noch weiter.
Und wer sich noch nicht daran gemacht hat – es spricht nichts dagegen, auch Anfang Januar noch ins Jahr 2018 zurück zu riechen, zu schmecken, zu sehen, zu hören und zu spüren.
Ein Rückblick auf 2018 – mit allen Sinnen
Wenn du auf dieses Jahr zurückblickst, welche Bilder tauchen vor deinem inneren Auge auf? Hast du – auf inneren oder äußeren Reisen – neue Sichtweisen gewonnen? Neue Orte oder Wege gefunden? Oder Vertrautes wiedergefunden?
Und als Zusatztipp: Wenn du dein Jahr als Landkarte zeichnen würdest – welche Entdeckungen hast du gemacht, welche "Inseln" erforscht, welche "Berge" erklommen, welche "Täler" durchschritten?
Wie ist es mit dem Hören gewesen in diesem Jahr für dich? War es ein eher lautes oder eher leises Jahr? Hast du dich in einer bestimmten Hör-Umgebung besonders wohl gefühlt? Neue Lieblingsklänge kennengelernt, beim Hören, Singen oder auch mit einem Instrument?
Gab es bestimmte Sätze oder Aussagen, die dir aus diesem Jahr im Ohr geblieben sind? Mochtest du eine Sprache oder Mundart besonders gern hören oder die Stimmen von bestimmten Menschen?
An welchen Orten, in welcher Atmosphäre war es dir 2018 besonders angenehm? In der Umgebung von welchen Menschen?
Wo hast du neue Wege beschritten, wo bist du wörtlich oder dem Sinn nach verweilt, hattest vielleicht auch das Gefühl, festzustecken? Wo und wie war es Zeit, sich zu lösen?
Was und wen konntest du gut riechen in diesem Jahr? Wenn du an Orte denkst, die du (wieder-)entdeckt hast, wie roch es dort? War es ein Jahr nach deinem Geschmack? Hast du neue – kulinarische – Entdeckungen gemacht, ein Lieblingsgericht weiter verfeinert?
Und auch im übertragenen Sinne: Was war dir süß in 2018, was eher bitter, wo bist du auch mal sauer geworden?
Vielleicht hast du all diese Erinnerungen erst einmal nur im Kopf gesammelt. Oder sie gleich notiert. Und wenn du gemerkt hast, dass es sich über die Sinne ganz gut erinnern lässt, lege doch auch 2019 immer einmal wieder einen Sinnes-Tag ein – als Schreib-Impuls oder einfach, um die eigenen Wahrnehmungen und Erinnerungen zu schulen.
Im neuen Jahr erwarten dich in diesem Newsletter wieder neue Themen rund ums kreative Schreiben und Hinweise auf Schreibwerkstätten, die ich in den nächsten Wochen auf der Homepage einstellen werde. Erzählen werde ich unter anderem von der Jahrestagung der "National Association of Writers in Education" in York, von der ich im November jede Menge (Schreib-)Impulse mitgenommen habe.
Einen guten Wechsel in ein glückliches und gelingendes Neues Jahr wünscht dir
Sigrid
Das Sehen, das Hören, das Spüren und das Riechen waren schon dran in der 6-teiligen Reihe zum Schreiben mit allen Sinnen. Was jetzt noch fehlt, ist der Geschmackssinn.
Bevor wir in den Dezember mit all seinen Genüssen gehen, passt das natürlich besonders gut. Nach der Idee, sich jeden Tag in der Woche einem Sinn besonders zu widmen, also nun an einem Freitag:
3 Schreibimpulse, die sich mit dem Schmecken beschäftigen.
1) Ihr Leben in Essen
Diese Idee habe ich vor einigen Jahren für eine biografisch-kulinarische Schreibwerkstatt weiterentwickelt. Im ersten Schritt zeichnest du einen langen Fluss auf ein Blatt Papier - stellvertretend für dein Leben. Anschließend trägst du in deinem Lebensfluss Stationen und Erlebnisse ein, die mit dem Essen (und Trinken) zu tun haben.
Zum Beispiel für die Kindheit die Erinnerung an etwas, das du damals besonders gern gegessen hast. Und für später zum Beispiel ein Gericht, das du zum ersten Mal selbst gekocht hast. Oder eine Speise, die eine Feier unvergesslich gemacht hat. Oder einen gemeinsamen Koch-Abend mit Freunden, der dir besonders im Gedächtnis geblieben ist.
Und wenn dein Lebens-Fluss-Bild sich mit Ess-Stationen gefüllt hat, schreibst du zu deinen Erinnerungen. Zum Beispiel eine Geschichte oder ein Rezept oder einen Brief an jemanden, mit dem du diese Erinnerung gern teilen würdest.
2) Das Rezept zu deinem Lieblingsgericht
Ihren Roman "Aphrodite" hat Isabel Allende so angelegt, dass es dort einen ganzen Rezepte-Teil gibt. Aber auch in anderen Romanen sind Speisen mitunter so sinnlich beschrieben, dass man sie am liebsten gleich nachkochen möchte. Oder zumindest gleich essen.
Bei diesem Schreibimpuls nimmst du dir eines deiner Lieblingsgerichte vor. Oder eines deiner Lieblingsgetränke. Schreibe nun ein Rezept zu diesem Gericht, das die größtmögliche Lust macht, es auch zu kochen oder herzustellen. Schreib lecker.
3) Wie kocht die Heldin?
Der dritte Schreibimpuls ist eine Weiterentwicklung von Nummer 2. Jetzt kocht deine Hauptfigur. Baue dein Rezept in eine Handlung, eine Situation ein und schreibe eine kurze Geschichte oder eine Szene dazu.
Vielleicht steckst du ja einen der so entstandenen Texte noch in den Adventskalender oder verschenkst ihn zu Weihnachten.
Du fragst dich, was bei 5 Sinnen im 6. Teil kommt? Nun, im Dezember gibt es noch einmal alles beieinander. Du darfst also gespannt auf Schreibimpulse, die in besonderer Weise mehrere Sinne gemeinsam ansprechen.
Eine schöne Adventszeit wünscht dir jetzt schon einmal
Sigrid
Auch wenn es in der letzten Woche noch einmal sommerlich warm geworden ist, morgens und abends riecht es schon nach Herbst: nach Laub und Herbstfeuer und Nebel.
Unser Riechen – im 4. Teil der Schreiben-mit-allen-Sinnen-Wochentage – ist schnell: Die Nase sorgt oft schon für den ersten Eindruck und entsprechende Reaktionen, wenn unsere anderen Sinne noch lange nicht so weit sind. Und das Riechen ist vielseitig. Menschen können über 10.000 verschiedene Duftnoten wahrnehmen.
Das heißt auch: Mit dem Schreiben zu Gerüchen lässt sich ein ganzes "Riech-Feuerwerk" anstiften in den Köpfen von Lesenden.
Also diesmal – 3 Impulse fürs Schreiben der Nase nach:
1) Dein Lieblingsgeruch
Orangenhain im Frühling, ein Mensch, den du besonders gern riechen magst, nasser Hund (ja, ich mag das wirklich), ... Liste doch mal deine Lieblingsgerüche auf – und schreibe zu einigen deiner Favoriten.
2) Wie riecht deine Kindheit?
Denke zum Beispiel einmal an das Haus, in dem deine Großeltern gelebt haben ... Kommt dir da schon ein vertrauter Geruch in die Nase? Oder wie wäre es mit Baggersee, Turnhalle oder Weihnachten?
Ganz gleich, welchen Geruch du als den deiner Kindheit aussuchst, schreibe dazu, was ihn für dich so besonders macht.
3) Lavendel an der Tankstelle und andere Krautgeschichten
Ich sage nur Basilikum, Salbei, Lavendel, Rosmarin, ... und schon bist du im Dufttaumel. Kräuter und ihr Duft lösen ganz bestimmte und intensive Assoziationen bei uns aus. Was oft auch mit Orten verbunden ist, die besonders typisch für diese Kräuter sind. Mit diesem Schreibimpuls schaffst du ganz neue Verbindungen und bringst vertraute Kräuter an neue Orte.
Notiere zunächst 5-10 Kräuter, deren Geruch dir gut vertraut ist. Notiere dann 5-10 ganz alltägliche Orte (durchaus auch solche, an denen mit Kräutern nicht unbedingt zu rechnen ist).
Anschließend schnipselst du Orte und Kräuter auseinander und lost verdeckt – je ein Kraut darf zu einem Ort. So kann der Lavendel an der Tankstelle landen und das Basilikum im Postamt. Und schon könnte eine Geschichten-Idee geboren sein.
Schon Appetit bekommen bei so viel Kräutern? Gut so – im November folgt das Schreiben mit dem Geschmackssinn.
Bis dahin, es grüßt herzlich
Sigrid
Liebe Sprachfreundin, lieber Sprachfreund,
wie fühlt sich ein Schloss an? Im Shop des Neuen Palais von Sanssouci geht das über ein Spür-Pult. Dort lassen sich die Stoffe er-spüren, aus denen ein Schloss gemacht ist, zum Beispiel Seidenstoffe oder Marmor.
Mit dem Fühlen und Spüren sind wir beim dritten Teil der "Schreiben-mit-allen-Sinnen"-Reihe angekommen.
Das Besondere hier: Es ist der Tastsinn gemeint, Finger, Füße, Ohren, Nase, alles kann spüren ... und die inneren Ge-Fühle kommen auch hinzu.
3 Annäherungen ans Schreiben mit dem Spür-Sinn:
1) Augen zu und losgespürt!
Was lässt sich überhaupt alles spüren? Das geht im visuellen Alltag manchmal etwas unter. Also Augen zu und losgespürt!
Was spüren deine Finger gerade und wo sitzt du drauf? Wie fühlt sich deine Kleidung an?
Achte darauf, in welchen unterschiedlichen Kategorien du dein Fühlen erleben kannst. Zum Beispiel, ob ein Stoff sich rau oder weich anfühlt. Ob eine Form rund oder eckig ist. Oder wie intensiv sich eine Berührung anfühlt, eher kräftig oder zart.
Diese Übung kannst du einfach auch zur Erholung zwischendurch machen. Und wenn du magst, schreibst du anschließend dazu.
2) Schnipsel mal wieder.
Die Schriftstellerin Herta Müller ist nicht nur für ihre Romane und Erzählungen bekannt , sondern auch für eine Technik, mit der sie arbeitet: die Wortschnipsel.
Schnipseln ist ein haptischer Prozess. Ein Zerlegen und Zusammensetzen. Zeitungen lassen sich schnipseln, Bilder und Worte, aber auch Gedichte lassen sich so neu zusammenfügen. Oder eigene Texte im Entstehen.
Dieser Prozess des Auseinandernehmens und Zusammenfügens kann zu ganz erstaunlichen neuen Textdramaturgien führen.
Schnipsele doch auch mal wieder – in Magazinen oder Zeitungen oder auch in eigenen Texten, die du ausdruckst und neu zusammensetzt. Gern auch im ganz großen Format – das verstärkt den Spiel-Effekt.
3) Die Rolle wechseln
Bei diesem Schreibimpuls lässt sich diskutieren, ob das nun eine Seh- oder eine Spür-Übung ist. Ich denke: Sie ist beides. Beim Sehen würde ich sie einen Perspektiv-Wechsel nennen, beim Spüren geht es mir um das Sich-Hineinversetzen in eine andere Rolle.
Gern gebe ich diesen Schreibimpuls zum Beispiel in Märchen-Schreibwerkstätten hinein, wo uns das „Personal" schon ziemlich gut vertraut ist. So lässt sich in einem bekanntem Märchen auch mal die Rolle des Froschs, der Kugel oder des Brunnens einnehmen und von dort aus schreiben.
Du kannst diese Übung aber auch für Rollenwechsel jeder Art benutzen. Also zum Beispiel, wenn du im Museum bist und dich in eins der Exponate "hineinfühlst" und die Welt beschreibst, wie sie sich von dort aus anfühlt.
Soweit zum Spürschreiben. Im nächsten Newsletter – im Oktober – wird es ums Schreiben zum Riechen gehen. Donnerstags: Immer der Nase nach.
Herzliche Grüße
Sigrid
Liebe Schreibfreudige,
mit dem Newsletter im Juli habe ich die sechsteilige "Schreiben-mit-allen-Sinnen"-Reihe eröffnet. Die Idee dabei: sich an 6 Tagen der Woche je einem Sinn besonders zu widmen (inspiriert von einer Schreibanregung aus "Achtsames Schreiben" von Sandra Miriam Schneider).
Nun sind wir beim Sehen angekommen. Dazu habe ich drei Schreibimpulse zusammengestellt. Mit einem davon arbeite ich schon sehr lange, die anderen beiden sind jüngeren Datums, der zweite sogar ganz frisch.
3 Impulse zum genauen Hinsehen und Schreiben dazu:
a) Was siehst du gerade?
Eine Schreibübung, die ich vor rund 20 Jahren in meiner Fortbildung zur Poesiepädagogin kennengelernt habe und die sich immer und überall einsetzen lässt – ob du im Park oder auf der Straße unterwegs bist oder auch auf Reisen.
Dabei legst du einfach alle 100 Schritte einen Stop ein und schaust dich um. Was fällt dir ins Auge, was gibt es gerade zu sehen? Dann machst du eine kurze Notiz und es geht weiter.
Zu Hause angekommen wertest du deine Fundstücke aus und lässt daraus zum Beispiel eine Impression, eine Collage, ein Gedicht oder auch eine kurze Geschichte entstehen.
b) Welche Farbe hat der Himmel heute?
Ich bin ja sehr für Cross-over und ans Schreiben denke ich eigentlich immer. Deshalb hat mich der "Himmelsschal" auf dem Strick!-Blog www.schoenstricken.de zu einer Schreibübung inspiriert.
Beim Stricken funktioniert es so: Man nehme die Wollfarben weiß, grau, hellblau und dunkelblau und schaue jeden Tag des Jahres in den Himmel. Je nachdem, welche Farbe der Himmel an diesem Tag hat, strickt man in dieser Farbe eine Reihe vor und eine zurück. Am Ende steht ein Schal, der die Farben des Himmels eines Jahres portraitiert.
So können natürlich auch Texte entstehen – über ein Jahr hinweg oder auch einen kürzeren Zeitraum. Wichtig ist nur, dass der Text in derselben Art und Weise wächst. Zum Beispiel durch täglich ein Wort oder einen Satz.
Auch das Objekt der Betrachtung sollte gleich sein. Zum Beispiel, indem du deine Stimmung an jedem Tag ganz kurz zusammenfasst oder einen Satz aufschreibst, den du an diesem Tag gehört hast. Oder indem du auch hier den Himmel portraitierst – nur eben in Worte gefasst.
c) Zoom und Perspektive – ganz nah bis Großaufnahme
Zoom und Sehen, das passt gut zusammen. Bei diesem Schreibimpuls gibt es außerdem das Thema Perspektive gleich mit dazu.
Im ersten Schritt, der Nah-Aufnahme, beschreibst du einen ganz alltäglichen Vorgang, die Details, aus der Ich-Perspektive. Zum Beispiel Zwiebeln schneiden oder Fahrrad aufpumpen. Oder etwas ganz anderes.
Im zweiten Schritt gehst du ein Stück weiter weg und wechselst außerdem die Perspektive. Nun beschreibst du in der 3. Person den- oder diejenige, die oder der dort gerade die Zwiebeln schneidet oder das Fahrrad aufpumpt.
Im dritten Schritt entfernst du dich noch weiter und nimmst nun auch noch den Schauplatz mit dazu. Welche Details aus der Umgebung werden in deiner Beschreibung wichtig, welche Figuren kommen eventuell dazu?
Dieser Impuls sensibilisiert zum einen dafür, wie wichtig das genaue Hinsehen ist. Zum anderen zeigt er durch die verschiedenen Textversionen auch die unterschiedliche Wirkung des Blickwinkels.
Im nächsten Newsletter Sprachlust – im September – wird es ums Schreiben mit dem Spür-Sinn geht.
Sigrid
Hallo in die Schreibrunde,
das Schreiben mit und für alle Sinne beschäftigt mich schon seit vielen Jahren. Im besten Fall kann der Lesende fühlen, hören, riechen, sehen und schmecken, was in unseren Geschichten passiert. Das bedeutet allerdings auch, dass wir unsere Umgebung mit allen Sinnen erleben, um so darüber schreiben zu können.
In dem 2018 erschienenen Schreibratgeber "Achtsam schreiben" von Sandra Miriam Schneider bin ich auf eine Schreibanregung gestoßen, den die Autorin „Meine 6-Sinne-Woche" nennt. Die Idee dabei: Sich an fünf Tagen der Woche je einem Sinn besonders zu widmen und am 6. Tag noch einmal allen zusammen. Diesen Impuls greife ich auf und so werden die nächsten Ausgaben vom Sprachlust-Newsletter dir Wahrnehmungs- und Schreibanregungen zu den verschiedenen Sinneskanälen liefern.
Zuerst kommt: das Hören. Interessanter Weise beginnt Sandra Miriam Schneider ihre Sinnes-Woche nicht mit dem Sehen (das ja in unserer Zeit ganz vorn steht), sondern mit dem etwas in den Hintergrund geratenen Hören. Deshalb gibt´s auch von mir diese Sprachlust an einem Montag mit ...
Impulsen zum genauen Hinhören und Schreiben dazu:
a) Wie klingt ein Ort?
Setze dich für diese Schreibübung in einem Rhythmus deiner Wahl (zum Beispiel immer montags) an denselben Ort zur selben Uhrzeit hin und machen deine "Höraufnahme". Oder du erklärst mal eine ganze Woche zur Hör-Woche und praktizierst diese Übung jeden Tag.
Am besten schließt du die Augen dafür und achtest darauf, was im Vordergrund zu hören ist und auch, was etwas weiter dahinter. Sind Menschen zu hören oder Verkehrsmittel? Machst du Geräusche aus, die du nicht zuordnen kannst? Anschließend notierst du dir deine Eindrücke. Diese Übung schult zum einen das genaue(re) Hinhören, zum anderen macht es uns bewusst, wie unterschiedlich derselbe Ort klingen kann.
Du kannst dafür einen eher umtriebigen (und damit auch "lauteren") Ort wählen, z.B. ein Fenster zur Straße hin. Oder du ziehst sich zurück, z.B. in den Wald, wo es ruhiger ist und die Unterschiede sich erst aus dem feineren Hinhören ergeben.
Eine Variante: Nimm dein "Hörbild" auch einmal zu verschiedenen Uhrzeiten auf, auch daraus werden sich vermutlich Unterschiede in deinen Eindrücken ergeben.
b) Geräusche sammeln
Jetzt geht es ums gezielte Hinhören. Bei dieser Übung überlässt du es nicht dem Moment, was du hörst, sondern du entscheidest dich ganz bewusst dafür, bestimmte Geräusche einzufangen. Das kann ein Vogelkonzert sein, das Klimpern einer Tastatur oder eine murmelnde Unterhaltung im Hintergrund.
Auch hier kann es gut sein (wenn das gerade für dich passt), die Augen zu schließen. Höre genau hin, wie die Geräusche für dich klingen und wie Sie sich im Verlauf des Hörens weiterentwickeln. Fasse anschließend deine Eindrücke in einer Schreibskizze zusammen. So kannst du nach und nach immer mehr Geräusche in deine Sammlung einbringen.
c) Auch beim Schreiben – Augen zu
Eine ergänzende Übung zu den beiden ersten Impulsen (wenn du das nicht sowieso schon getan hast). Mache nun die Notizen mit geschlossenen Augen. Setze dafür am besten so hin, dass du deine Schreibunterlage gut im Griff hast.
Die geschlossenen Augen sorgen dafür, dass wir uns im Schreibprozess noch mehr auf die Eindrücke konzentrieren können, die unsere Ohren einsammeln. Und keine Sorge, dass die Sätze beim handschriftlichen Schreiben hierbei kreuz und quer geraten. Entziffern lassen sie sich trotzdem hinterher fast immer noch.
Wer sich ganz besonders fürs Hören interessiert, dem sei an dieser Stelle ein Buch empfohlen, das es zwar nur noch antiquarisch gibt und das dennoch sehr empfehlenswert ist: "Ich höre also bin ich." von Joachim-Ernst Berendt.
Von mir hörst du jedenfalls das nächste Mal an einem Dienstag im August – mit dem Thema: Schreiben mit und fürs Sehen.
Herzliche Grüße
Sigrid
Sigrid
Mal wieder eine Postkarte im Briefkasten - wie schön. Bei der Handschrift auf der Rückseite zögere ich nur einen Augenblick, dann weiß ich, von wem sie ist. Das gleich vorweg: Unter vielen Vorzügen, die unsere Handschrift mitbringt, ist dies einer: Sie ist einzigartig.
In der Schulpolitik ist die Handschrift ein viel- und heißdiskutiertes Thema. In meinen Werkstätten mit Erwachsenen geht es allerdings weniger darum, sie überhaupt mit dem handschriftlichen Schreiben vertraut zu machen, sondern darum, wie oft sie dies noch tun.
Inzwischen gibt es einiges an Forschung dazu, wann und wozu die Handschrift besonders wichtig ist. Davon möchte ich hier etwas vorstellen, aber auch dazu anregen, eigene Erfahrungen zu machen.
Aufmerksamer, konzentrierter, offener? Was die Handschrift alles kann:
a) Handschrift verbessert das Verständnis.
Bei einer Studie in Princeton und Los Angeles - durchgeführt von Pam A. Mueller und Daniel M. Oppenheimer - bekamen Studierende kurze Videofilme mit Aufzeichnungen von Vorträgen gezeigt. Die eine Hälfte schrieb am Laptop mit, die andere handschriftlich auf Papier. Vor allem komplexe Zusammenhänge wurden von der Gruppe, die mit der Hand schrieb, besser verstanden. Die Laptop-Gruppe schrieb mehr Wörter mit, während die Handschrift-Gruppe das Gehörte mehr in eigenen Worten formulierte. Mehr zur Studie: https://cpb-us-w2.wpmucdn.com/sites.udel.edu/dist/6/132/files/2010/11/Psychological-Science-2014-Mueller-0956797614524581-1u0h0yu.pdf
In einer anderen Studie an der Uni Trondheim (von Audrey und Ruud van der Weel) zeigte sich allerdings auch, dass die Verständnisleistung beim Schreiben mit einem speziellen Stift am Bildschirm besser funktioniert als beim Eintippen über die Tastatur. Mehr zu dieser Studie: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5422512
Das spricht in jedem Fall für die Handschrift, allerdings auch auf anderen Medien als dem Papier. In beiden Studien ging es um handschriftliches Schreiben als motorischem Prozess, bei dem das Formen von Buchstaben bestimmte Hirnareale stimuliert. Was beim Tippen am Computer nicht eintritt, weil dort die Form der Buchstaben keine Rolle spielt.
b) Handschrift macht kreativer.
Eine weitere Studie, durchgeführt von Virginia Berninger von der Universität Washington. Sie zeigte, dass Grundschulkinder, die ihre Geschichten mit der Hand schrieben, mehr Ideen beim Schreiben entwickelten, als die, die am Computer schrieben. Mehr zur Studie: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16390289 Auch in dieser Untersuchung ging es darum, dass das Formen von Buchstaben bestimmte Bereiche im Gehirn anspricht, die dafür sorgen, dass wir uns die Buchstaben vor dem inneren Auge vorstellen. Was wiederum die Vorstellungskraft insgesamt anregt.
Ich selbst schreibe übrigens seit einigen Wochen immer einmal wieder auch nicht nur mit der Hand, sondern auch in meiner Schreibschrift. Die ich seit über 40 Jahren nicht gesehen habe. Das ist schon allein visuell immer wieder verblüffend für mich, meine Schrift als 8-Jährige vor mir zu sehen. Und es macht etwas mit mir und meinem Schreiben. Aber: Ich forsche noch!
c) Ins Schreiben hineinkommen.
Sowohl auf die Körperlichkeit als auch auf die Konzentration beim Schreiben mit der Hand bezieht sich Hanns-Josef Ortheil in „Mit dem Schreiben anfangen" (Duden-Verlag, 2017), um sich gut ins Schreiben zu bringen. Unter anderem geht er auf das handschriftliche Ab-Schreiben von fremden Texten ein - eine im literarischen Schreiben schon lang erprobte Methode, Stile zu erforschen und darüber den eigenen zu entwickeln.
Ich schreibe sogar eigene Texte ab – zum Beispiel im Prozess des Überarbeitens. Allerdings funktioniert das bei mir auch am Computer. Was daran liegen mag, dass ich „blind tippe" und mit meiner Konzentration ganz beim Text sein kann. Und bei dir? Könnte es sein, dass das handschriftliche (Ab-)Schreiben eines Textes dich in die richtige Schreibstimmung bzw. Konzentration bringt? Oder könnte dir auch am Computer das Abtippen eines fremden Textes bzw. eines Abschnittes helfen, in Schreibschwung zu kommen?
d) Automatisches Schreiben
Einfach fließend das aufschreiben, was einem gerade durch den Kopf geht. Ohne dass der innere Zensor sich einschalten darf. Das funktioniert für viele Menschen am besten mit dem Stift und auf dem Papier. Auch bei den Morgenseiten nach Julia Cameron halte ich es so. Bei mir hat das allerdings auch etwas mit der Tageszeit zu tun, da ich so früh morgens ungern am Laptop arbeite.
Empfohlen wird das Handschriftliche beim automatischen Schreiben, weil man beim Tippen eher versucht wäre, im Text zurückzugehen und gleich etwas zu verbessern. Ist das bei dir auch so? Oder kannst du auch am Computer in einen Modus wechseln, in dem du erst einmal frei heruntertippst, ohne dass sich dein innerer Zensor einschaltet?
Ich wünsche dir eine gute Zeit dabei, mal wieder etwas mehr mit dem Schreiben mit der Hand zu experimentieren, aber ruhig auch zu testen, welche unterschiedlichen Erfahrungen du beim Tippen machst.
Wer mehr wissen möchte rund ums Schreiben mit der Hand, dem sei auch die Initiative Schreiben empfohlen, die für Donnerstag, 22. Juni 2018 die lange Nacht des Schreibens angekündigt hat: http://www.initiative-schreiben.de
Herzliche Grüße
Sigrid
Versetze dich an einen Ort, an dem du gerne wärst: Wo bist du? So lautet der Schreibauftrag für die erste Zeile des Zevenaars (von niederländisch "sieben"), eines Gedichtes in sieben Zeilen, bei dem die 1. und 2. Zeile am Schluss wiederholt werden.
Zunächst ein Beispiel:
Am Meer
sammle Muscheln wie Erinnerungen
Will ich hier bleiben?
Klitschiger Sand zwischen meinen Zehen
splitternder Nagellack
Am Meer
sammle Muscheln wie Erinnerungen.
Und nun der Aufbau:
1. Zeile: Versetze dich an einen Ort, an dem du gerne wärst. Wo bist du?
2. Zeile: Was passiert an diesem Ort? Etwas das geschieht oder das du tust.
3. Zeile: Eine Frage, die sich aus dem Bisherigen ergibt. Oder ein Ausruf.
4. Zeile: Zoome dich näher heran und beschreibe ein Detail.
5. Zeile: Zoome dich noch näher heran und beschreibe von ganz nah.
6. Zeile: Wiederhole die 1. Zeile.
7. Zeile: Wiederhole die 2. Zeile.
In wenigen Zeilen verbindet der Zevenaar vieles, das beim kreativ Schreiben wichtig ist:
a) Die Imagination
Sich schreibend an einen anderen Ort versetzen zu können und sich mit allen Sinnen in diese Szenerie hineinzufühlen.
b) Die Frage/der Ausruf
Die Reaktion des Schreibenden auf etwas, das er doch gerade erst selbst erfunden/gefunden hat. Es passiert etwas!
c) Der Zoom
Der Blick auf die Details und das immer näher Herangehen.
d) Die Wiederholung
Für mich besonders wichtig: Die Wiederkehr der 1. und 2. Zeile am Schluss. Am Anfang und am Ende des Gedichtes stehen dieselben Worte. Und trotzdem hat sich etwas verändert. Die Wiederholung wirft einen Blick zurück auf das Vorher und macht gleichzeitig die Veränderung bewusst.
Durch all diese Qualitäten eignet sich der Zevenaar ganz besonders gut zum Einstieg und Warmschreiben in Schreibwerkstätten.
Viel Vergnügen beim Schreiben von Siebenzeilern und beim Kennenlernen der weiteren Kreativ-schreiben-Methoden wünscht
Sigrid
In drei Wochen geht’s mit der ersten Schreibwerkstatt 2018 los. Die BIOgrafieGESCHICHTEN biete ich jetzt auch bei mir in Caputh an und am Samstag, 10. Februar startet das mit „Bei den Großmüttern“.
Kurz- und Kürzestgeschichten bleiben auch in diesem Jahr mein Thema. Biografische Geschichten lassen sich so gut schreiben, weil wir vieles davon schon einige Male erzählt haben. Und es schreibend nur noch präziser fassen und rund machen.
Worüber wir auch noch häufig erzählen, ist der Joballtag. Nicht immer begeistert, aber dafür oft. Deshalb gibt es bei mir 2018 neu die Schreibwerkstatt „Job-Geschichten“ in Potsdam. Da lässt sich jede Menge dazu schreiben? Das glaube ich gern. Geschichten werden allerdings erst daraus, wenn wir tatsächlich mal einen Punkt machen. Und das Ganze abrunden. Gerade das kann dann auch klärend wirken.
Eine Inspirationsquelle dazu finde ich übrigens die Kurzgeschichtensammlungen „Bonusgeheimnisse“ und „Business Class“ von Martin Suter. Kurze und knackige Geschichten mit Biss (und den braucht es bei diesem Thema eben auch).
Material für Job-Geschichten – einige Impulse:
a) Die Anfänge – oder auch: Große Erwartungen.
Egal, ob Sie du einmal oder oft erlebt hast: ein neuer Job kann es in sich haben. Vielleicht sind wir mit großen Erwartungen gestartet – und wurden dann ziemlich ernüchtert. Vielleicht war es aber auch genau anders herum und der neue Job hat ungeahnte – und positive – Facetten mit sich gebracht. Was ja auch mal ein ganz besonders netter Kollege oder eine außergewöhnlich reizende Kollegin sein kann. Diese Geschichten leben von dem, was wir entdecken, wenn wir genauer hinsehen – auf einer Reise in eine „neue Welt“.
b) Das große Ganze – und das kleine Wahre
Mit der Unternehmenskultur kann es so eine Sache sein. Was auf dem Papier steht und was real passiert, weist mitunter durchaus Unterschiede auf. Diese Geschichten leben von den Kontrasten. Wenn etwas ganz anderes gesagt als gelebt wird. Was in der Realität sehr ärgerlich sein kann. Wenn es in der Geschichte allerdings noch etwas überspitzt ist, können wir vielleicht sogar selbst darüber lachen.
c) Regeln sind alles. Oder doch nicht?
„Wenn Kollegin X den roten Pullover trägt, sollte man sie besser nicht ansprechen ...“ Jeder weiß es, aber keiner redet darüber. Büro-Regeln – und gerade die ungeschriebenen – können ihre ganz eigene Wirkung entwickeln. Wie skurril sie mitunter sind, erkennen wir oft erst mit einem gewissen Abstand. Und in der Geschichte lässt sich das sogar noch ein wenig übertreiben. (So das überhaupt nötig ist).
Schon Ideen bekommen? Ob du deine Geschichten humorvoll, satirisch oder märchenhaft fasst ... – ganz wie du magst. Die erste „Job-Geschichten-Werkstatt“ findet jedenfalls am 24. März 2018 in Potsdam statt.
Ein gutes neues Jahr für dich, herzliche Grüße
Sigrid