Schreib mal wieder.

Schreiben Sie noch? Briefe oder ab und zu eine Postkarte? Und das nicht (nur) aus dem Urlaub?

Die Kunst des Briefeschreibens war über lange Zeit eine, die erlernt werden durfte, konnte, sollte. Briefe waren wochen-, monatelang unterwegs. Und mit Briefen ließ es sich auch dann in Verbindung bleiben, wenn man sich vielleicht gar nie wieder im Leben sah.

Briefeschreiben als Kulturform

In diesem Sommer habe ich die Kurzgeschichten "Die Leute von Privilege Hill" von Jane Gardam gehört. Schon mit "Ein untadeliger Mann", "Eine treue Frau" und "Letzte Freunde" hatte mich die Autorin begeistert - ihrer Trilogie über den Untergang des britischen Empire.

In den Kurzgeschichten zeigt sie ihre Meisterschaft im Schaffen von Persönlichkeiten und Stimmungen, im treffenden Zeichnen von Beziehungen. Und natürlich ihre tiefen Kenntnisse in der englischen Lebensart. In „Die Dixiemädchen“, das in der Mitte des 20. Jahrhunderts spielt, nennt die Heldin „die Pflege der Korrespondenz die Grundvoraussetzung jedes zivilisierten Lebens.“ Nichts weniger als das!

Lesetipp: Die Leute
von Privilege Hill,
Jane Gardam

Briefe als Kunstform

Briefe können mehr sein als der Austausch zwischen zweien. Gerade höre ich von Orham Pamuk „Istanbul“, das Buch, in dem er über seine Stadt schreibt, seine Kindheit und die Geschichte von Istanbul. Unter anderem erzählt er von den Stadtbriefen, einer bei Istanbuler Journalisten beliebten Form, in der sie sich seit dem 19. Jahrhunderten mit Anekdoten, Aufforderungen, Plädoyers an die Bewohnerinnen und Bewohner ihrer Stadt wandten. So hat der Brief zwar immer den einen Lesenden vor Augen, kann sich dabei aber an sehr viele wenden.

Lesetipp: Istanbul,
Orhan Pamuk

Oder der Briefroman - beliebt wie eh und je. Zum Beispiel "Deine Juliet" von Mary Ann Shaffer (im Original: The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society), der – wie ich finde – gerade sehr gut verfilmt in den Kinos läuft. Vielleicht wird ja auch aus einer Ihrer Korrespondenzen irgendwann ein Roman. Dann fangen Sie am besten gleich damit an.

Schreibtipp: Wie wär´s
mit einem Brief? Das geht auch
an sich selbst – und abschicken!

Ein Sachbuch in Briefen

Auch zu Sachbüchern können Briefe werden - und sogar zu Schreibratgebern. So hat Rainer Maria Rilke von 1903 bis 1908 die "Briefe an einen jungen Dichter" verfasst. Sie gingen an Franz Xaver Kappus, einen jungen Österreicher der sich mit der Bitte um Rat an Rilke gewandt hatte, woraus eine mehrjährige Korrespondenz entstand. Und das Pendant - die "Briefe an einen jungen Schriftsteller" - gibt es von Mario Vargas Llosa. "Lieber Freund ...," so schreibt er in jedem Kapitel und führt den Lesenden dann kenntnisreich durch die Welt der Romane - und wie sie gemacht sind.

Briefe können viele Seiten haben. Also - schreib mal wieder.

Lesetipp: Briefe an einen
jungen Dichter,
Rainer Maria Rilke

Lesetipp: Briefe an einen
jungen Schriftsteller,
Mario Vargas Llosa