Literatur als Echolot: Die Figuren

Mit meinem Hund in Wald und Feld herumzustreifen und darüber die Zeit zu vergessen, das mache ich gern. Und manchmal denke ich dabei an Ellen. Ellen? Ellen! Die  Frau des „Helden“ aus Ken Folletts "Säulen der Erde". Dem Roman von den Höhen und Tiefen des Erbaus einer Kathedrale im 12. Jahrhundert und den Menschen drumherum.

Diese Ellen führt zwei Leben. Zum einen als Frau eines geachteten Baumeisters in der Stadt. Und zum anderen beargwöhnt als eine, die ihren Sohn allein im Wald aufgezogen hat, und die auch immer wieder in dieses andere Leben zurückkehrt. Vor allem die Zeit im Wald fasziniert mich. Kann – oder konnte das gehen – allein im Wald zu überleben, mit einem Kind? Was brauchte es alles an Fertigkeiten und Wissen, um sich genügend Nahrung zu verschaffen und auch Wärme für Herbst und Winter? Und so wird mir Ellen immer wieder zum Spiegel dafür, wie viel Leben abseits der Gesellschaft möglich ist.

Helden und Heldinnen auf dem Papier

Shakespeare, Kipling, Thomas Mann, Doris Lessing. Wenn wir nach Literatur gefragt werden, die unser Leben geprägt hat, dann fallen oft die ganz großen Namen. Das kann an den Werken liegen, die einem viel bedeuten. Und vielleicht auch an dem, was uns der Autor oder die Autorin darin über sich erzählt. Dann kann es die Sprache sein, die uns fasziniert, unser eigenes Sprachgefühl entdecken und weiterentwickeln lässt. Für mich aber tatsächlich am wichtigsten sind die Figuren der Bücher, die Heldinnen und Helden. Manche von ihnen begleiten mich schon länger.

Lesetipp:
Lesen als Medizin,
Andrea Gerk

Frühe Bücher - "meine" Gulla

Vor einigen Jahren ging es in meinem Literaturkreis einmal darum, sich gegenseitig die eigenen Kinder- und Jugendbücher vorzustellen. An einiges erinnerte ich mich spontan, manche der Bücher hatte ich auch noch. Nur etwas diffus war mir allerdings eine schwedische Mädchenbuchreihe  in Erinnerung, in der es um das Mädchen Gunilla "Gulla" ging. Dennoch wusste ich, dass sie mir als Kind sehr wichtig war. Also lieh ich die Bücher noch einmal in der Bibliothek aus – und las gleich auf dem Rückweg in der S-Bahn los. Und war tief beeindruckt davon, wie moralisch die Geschichte und wie traditionell die Welt war, in der sie spielte. Ein kleines Waisenmädchen in einem Tagelöhner-Haushalt im ausgehenden 19. Jahrhundert. Wo Arbeit, Fleiß und Anständigkeit zählt. Und das dann doch als Enkelin des strengen Gutsbesitzers erkannt wird. So ganz im Einzelnen weiß ich nicht mehr, wie mich das als Achtjährige beeindruckt und beeinflusst haben mag. Aber dass es das getan hat, ist gewiss.

Auf Dauer - oder für eine gewisse Zeit: Lauscher

Wenn das kein Zufall ist ... Auch dieser meiner Helden lebte im Wald: "Lauscher" aus dem Märchenroman "Stein und Flöte" von Hans Bemmann. Mit 17 habe ich ihn "kennengelernt" und bestimmt über 10 Jahre hat mich das Auf und Ab seines Lebens und sein Fügen in das eigene Schicksal sehr beeindruckt. Kein Happy End, sondern ein Schluss, der mich beim Lesen immer tieftraurig stimmte. Aber auch dazu anregte, darüber nachzudenken, wie das Leben ganz anders als die eigenen Wünsche und Träume verlaufen mag. So wurde auch dieses Buch mir zum Begleiter, in einer Lebensphase, die bei mir wie bei Lauscher voller Aufs und Abs war.

Mehr zu Andrea Gerk, "Lesen als Medizin" und die Bibliotherapie - zum Beispiel hier: http://www.fr.de/kultur/literatur/andrea-gerk-lesen-als-medizin-rettungsanker-a-491915

Mehr (vor-)lesen: der bundesweite Vorlesetag - zum 14. Mal! - am 17. November 2017: http://www.vorlesetag.de/