Hörst du schon? Oder liest du noch?

Mein Schlüsselerlebnis in Sachen Hörbuch: Vor etlichen Jahren hatte ich mich zunächst an der gedruckten Fassung des Romans „Museum der Unschuld“ von Orhan Pamuk versucht.

Die Geschichte einer großen, aber unerfüllten, Liebe, die in Istanbul spielt und in den 1970iger Jahren beginnt. Eine lange und bis in Details geschilderte Szene zwischen den beiden Liebenden folgte auf die andere. Die Langsamkeit des Erzählstils ermüdete mich so sehr, dass ich die Lektüre schließlich abbrach. Aber einige Zeit später stieß ich aufs Hörbuch und versuchte es (etwas skeptisch) damit. Und war ganz erstaunt, dass ich es beim Hören genießen konnte, wie Detail für Detail vor meinem inneren Auge die Schauplätze dieser Liebe entwickelt wurden und ich als Hörerin die Treffen miterlebte.

Hörtipp: "Das Museum der
Unschuld", Orhan Pamuk

Die ??? in uns.

Vielleicht haben Sie als Kind auch "Die drei Fragezeichen" gehört. Oder "Die fünf Freunde". Oder "TKKG". Liegt der große Erfolg von Hörbüchern darin, dass wir uns in die Kinderzeit zurückversetzen? Es uns bequem machen, uns vorlesen lassen statt selbst zu lesen? Da kann was dran sein. Allerdings ist es auch nicht immer üblich gewesen, leise und für sich zu lesen. Über viele Jahrhunderte war der Mensch daran gewöhnt, Texte stimmlich, also halblaut oder laut zu lesen. Und viele Texte erschlossen sich die Mönche in mittelalterlichen Klöstern nicht über das selbst lesen, sondern darüber, dass sie ihnen während der Mahlzeiten vorgelesen wurden. In seinem 1993 erschienenen Buch "Ich höre, also bin ich" beschreibt Joachim-Ernst Berendt, wie im Laufe der letzten Jahrhunderte und schließlich vor allem durch die Fernsehkultur das Visuelle immer mehr in den Vordergrund rückte.

Hörtipp: "Ich höre also bin ich."
Hör-Übungen und Hör-Tipps,
Joachim-Ernst Berendt

Querhören geht nicht - das Sachbuch.

Mein Sach-Hörbuch-Debüt ist noch gar nicht so lange her. 2017 hatte ich mir den psychologischen Ratgeber „Das Kind in dir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl zunächst als gedrucktes Buch zugelegt. Aber: Ich bin eine Querleserin und habe beim Lesen oft nicht die Ruhe für die Details. Also besorgte ich mir das Hörbuch. Und siehe da: Auch hier beim Sachbuch fand ich durch das Hören noch einen anderen, tieferen Zugang zu den Inhalten und Empfehlungen aus dem Buch. Und ich habe sogar alle Übungen gemacht. Was sonst nicht immer der Fall ist.

Hörtipp: "Das Kind in dir
muss Heimat finden", Stefanie Stahl

Das nächste Sach-Hörbuch liegt übrigens schon bereit. "Der Weg des Künstlers" von Julia Cameron. Ein Klassiker in meinen Studien, den ich mir übers Hören vielleicht noch einmal neu und anders erschließen kann. Ich bin gespannt.

 

Mehr zu Joachim-Ernst Berendt, Radiopionier, Jazzredakteur und Klangforscher, erfahren Sie hier: http://www.jaro.de/de/kuenstler/joachim-ernst-berendt/